Montag, 23. April 2012

Ein Blick in die Open Beta von Diablo III

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Action-Rollenspielen im Stil eines Titan Quest, Sacred oder Loki. Meiner Ansicht nach ist der Teil der Genrebezeichnung, die sich Rollenspiel nennt, auch völlig fehlgeleitet. De facto handelt es sich durch die Bank weg um Fantasy-Actionspiele, in denen der Charakter Fähigkeiten-Werte hat. Wollte man aus diesen beiden Punkten, dem Hochleveln und dem Genre Fantasy den Begriff Rollenspiel ableiten, so greift dies meiner Ansicht nach viel zu kurz, ein Rollenspiel zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass ein Charakter stärker wird, sondern auch durch die Art des Gameplays, sei es im Stil westlicher Produkte wie The Elder Scrolls: Skyrim oder asiatischer Games wie Final Fantasy. Dies im Hinterkopf und vorbelastet durch sich meist relativ zeitig einstellende Langeweile meinerseits kam ich an diesem Wochenende dennoch nicht darum herum, die Open Beta eines der erfolgreichsten Spiele-Franchises der Welt zu zocken. Die Rede ist selbstverständlich von Blizzards Diablo III.
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Ich kenne Dutzende Spieler, welche die Vorgänger viele Jahre lang gedaddelt haben, es sogar heute teilweise immer noch hin und wieder mal tun. Ich selbst habe mir Teil 1 ob des Hypes damals zum Start gekauft und war nach nur knapp zwei Stunden schon tödlich gelangweilt. Tatsächlich habe ich mich noch fünf weitere Stunden durch das Spiel gequält, bevor ich endgültig das Handtuch geschmissen habe. Auch mit der Fortsetzung erging es mir ähnlich. Diese habe ich mir inzwischen allerdings auf dem Netbook installiert und versuche mich immer mal wieder ein paar Minuten daran. Was hielt mich damals davon ab, die Titel ausführlicher zu zocken? Zum einen wäre es die Grafik, beide Diablos sahen bei ihrem Erscheinen schon extrem veraltet aus. Damals gab es noch keine Retro-Welle, gute Grafik war für mich einfach ein Muss, wenn ich mich mit einem Spiel länger beschäftigen sollte. Der Hauptgrund war allerdings das Spielprinzip an sich. Monster im Dutzend plätten durch nerviges, repetitives Dauerklicken war mir zu eintönig. Endgültig öde wurden die Titel, weil ihnen eine vernünftige Story fehlte. Selbst die Non-Player-Charactere (NPCs) erzählten kaum etwas wirklich Interessantes. Stattdessen schlenderte der Spieler stundenlang durch zumeist eintönige und zufallsgenerierte Dungeons, die alle irgendwie gleich aussahen. Von Abwechslung keine Spur! Das Einzige, was die Spiele für mich zumindest ein wenig interessant machte, war das Sammeln der Items. Für viele DER Grund, diese Games zu zocken, für mich einfach viel zu wenig Motivation.
Mit diesem Hintergrund verflucht interessierte mich Diablo III lange Zeit überhaupt nicht. Die wieder einmal sehr schlichte und völlig veraltete Grafik der bisher veröffentlichten Screenshots und Videos tat ein Übriges, um meine Abneigung zu stärken. Titel wie das kommende Lineage III sehen einfach um ein so Vielfaches besser aus, dass Diablo III eigentlich keinen Blick wert schien. Bevor ich das Spiel aber völlig ad acta legte und aufgrund seiner Popularität, wollte ich zumindest wissen, auf was ich denn, wahrscheinlich zu Recht, verzichten würde. Das Open-Beta-Weekend bot hierzu knapp einen Monat vor Erscheinen eine ausgezeichnete Gelegenheit. Tja, und was soll ich sagen – Diablo III hat meinen Glauben an meinen Spielegeschmack erschüttert! Denn ich hatte unglaublich viel Spaß mit dem Teil!
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Aber beginnen wir am Anfang. Der Download des Spieles ging relativ flott innerhalb eines nachmittags vonstatten. Leider hängte sich der Installer mehrere Male auf und musste neu gestartet werden. Aber schließlich waren die nicht ganz fünf Gigabyte auf Festplatte gebannt. Danach ging es daran, einen Battle-Tag zu erstellen. Also erst einmal im Browser in den Battlenet-Account einloggen und diesen bei Diablo III erstmals eingeführten, accountübergreifenden Online-Spitznamen aussuchen. Leider wird dann automatisch eine Nummer angefügt im Stil Name#123, was einfach nur hässlich aussieht. So soll wohl garantiert werden, dass jeder Spieler seinen Nick auch wirklich verwenden kann. Trotzdem eine nicht gerade elegante Lösung. Und danach hieß es warten, bis die Beta endlich startete. Tja, was dann kam, war leider ein Krampf ohne Ende. Es war mir schon im Voraus klar, dass viele Millionen Spieler weltweit das Game ausprobieren wollten. Dennoch, Blizzard hat es bei World of Warcraft im Laufe der Zeit auch hinbekommen, dass keine Warteschlangen mehr entstehen. Leider war dieser Vertrauensvorschuss umsonst. Am Freitagabend bestand keine Chance, in das Spiel zu kommen. Am Sonnabendnachmittag hat es dann endlich geklappt. Ich fing an zu daddeln und wurde nach etwa zehn Minuten das erste Mal wieder gekickt. Und so ging es dann mehr oder minder weiter. Dazu kam, wenn ich denn mal in das Spiel kam, laggte es häufig extrem, teilweise fünf bis zehn Sekunden lang. Wenn der Bildschirminhalt sich dann wieder bewegte, war meine Heldin standardmäßig tote Leiche. Irgendwann war dann auch am Sonnabendabend bis spät nachts kein Hineinkommen mehr in das Spiel. Am Sonntag flog ich zwar auch regelmäßig vom Server aber dafür hatte sich das Lag-Problem verflüchtigt.
Trotz dieser widrigen Umstände gelang es mir, die Diablo III-Beta am Sonntag einmal komplett durchzuspielen und dann noch einen zweiten Charakter kurz anzufangen. Für den einen Durchgang, den ich mit Level 9 beendete, benötigte ich stolze drei Stunden und 39 Minuten. Dafür, dass mich das Spiel insgesamt über zehn Stunden am PC hielt, eine magere Nettoausbeute. Ohne die ständigen Verbindungsabbrüche und dem daraus resultierenden Zwang manche Level noch und nochmals spielen zu müssen, wäre es dann auch noch schneller gegangen. Wie ich in diversen Internetforen gelesen habe, haben sich manche Spieler angeblich(!) in 30 bis 40 Minuten durch die Beta geschnetzelt. Ich glaube fest daran, dass dies auf keinem Fall beim ersten Anlauf geschah und dann auch nur, weil sie alles kannten und so schnell wie möglich durchgerannt sind. Ich hingegen habe mir Zeit genommen und bin tief eingetaucht, denn die Atmosphäre ist unglaublich dicht. Ich habe mit jedem NPC gequatscht und bin alle Dialogoptionen durchgegangen, habe jede gefundene Schriftrolle genau studiert. Eine Sache, die z. B. Tera nicht im Ansatz gelang (siehe meine Tera-Preview weiter unten)! Die Geschichte ist spannend erzählt und verschwindet zumindest in den ersten vorhandenen Leveln der Betafassung nicht wie bei den Vorgängern oder anderen Titeln dieser Art völlig im Hintergrund bzw. ist gar nicht existent. Ich weiß, warum ich etwas tun soll und das es wichtig ist. Keine sinnfreien Nebenquests, die im Angesicht der Apokalypse, die der Held (mal wieder) verhindern soll, irgendwie völlig fehl am Platze scheinen, weil dafür doch wirklich nun gar keine Zeit ist. Ein Nerv-Faktor, der mich an vielen anderen (Online-) Rollenspielen stört: „Achtung, die Welt geht unter, oh großer mächtiger Held, bitte rette uns!“ – „Tut mir leid, ich kann gerade nicht, Bauer Botox sind die Hühner entlaufen, die muss ich erst einmal einfangen“. In Diablo III ist von solchen schwachsinnigen Aufgaben nichts zu sehen. Sehr gut!
Auch das überarbeitete Skill- und Kampfsystem gefällt mir ausgesprochen gut. Primäre Attacke mit linker Maustaste, sekundärer Angriff mit rechter Maustaste, weitere Fertigkeiten auf den Tasten 1 bis 4, wobei ich bis Level 9 dort nur eine Verlangsamungsfalle im Angebot hatte. Mit jedem Level up werden neue Skills und Runen freigeschaltet. Letztere verändern und verstärken den Effekt, den ein Skill hat. Einfach und Effektiv. Und es lädt dazu ein, öfters mal eine neue Skillung auszuprobieren oder diese an die jeweilige Situation anzupassen. Viele Alt-Fans der Reihe meckern über das neue System, es sei zu „casual“ und man könne sich ja gar nicht mehr Verskillen. Dazu kann ich nur sagen: Hallo!? Was soll so toll daran sein, wenn man nach 20 Stunden spielen feststellt, dass der Charakter nichts reißt, weil man sich verskillt hat und dann wieder von vorne anfangen muss?
Der Abstand der Kamera zum Spieler ist ebenfalls perfekt austariert. Der Spieler erkennt genug von der Umgebung und der Action. Auch der feste Winkel ist ideal gewählt, gerät etwas zwischen Kamera und Spielfigur, wird der Vordergrund durchsichtig. Dies klappt außer bei einigen Türdurchgängen, wo dies zu spät geschieht, erstaunlich gut. Kein Vergleich mit Sacred 2, wo mein größter Feind die frei veränderbare Kameraperspektive war, die ständig angepasst, gezoomt und gedreht werden wollte.
Kommen wir zum größten Kritikpunkt: der Grafik! Ja, die Landschaften, Dungeons und Gebäude sind unheimlich detailliert und wunderschön atmosphärisch gestaltet und durchaus düsterer und stimmiger als vorab befürchtet. Eine gewisse Ähnlichkeit im Stil zu World of Warcraft lässt sich dennoch nicht abstreiten. Allerdings ist die Grafik auch gleichzeitig unglaublich simpel gehalten. Es fehlen Polygone und vor allem auch moderne Spielereien wie Bump Mapping oder Reflexionen. Felsgestein etwa wirkt unglaublich platt und altbacken. Holzbalken scheinen außer braunem Match, keine vernünftigen Texturen zu besitzen. Noch schlimmer und wirklich störend wird es bei den Charaktermodellen. Diese zeichnen sich durch eine Polygon- und Detailarmut aus, die man in den vergangenen sieben, acht Jahren so mager in wohl kaum einem anderen Spiel gesehen hat. State of the Art ist etwas völlig anderes! Ich will meinen Helden sehen, die neu gefundenen Rüstungsteile und Waffen in voller, knack-scharfer Pracht bewundern. Was ich bekomme, sind niedrig aufgelöste Texturen und Antialiasing scheint ein Fremdwort für die Entwickler bei Blizzard zu sein. Selbst im Charakterschirm wird meine Figur von Pixeltreppen umrahmt – einfach übel!
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Dem Grafik-GAU gegenüber stehen die (englische) Sprachausgabe und die feine Hintergrundmusik. Ich habe selten passendere Sprecher in einem Spiel gehört, die Stimmen passen perfekt und die Musik zieht einen in seinen Bann. Die Kampfeffekte sind bessere Standardkost, fügen sich aber nahtlos in den restlichen Klangteppich ein.
Es soll schon etwas heißen, wenn ein Action-Adventure-Abstinenzler und Grafikfetischist wie ich trotz aller Widrigkeiten wie den ständigen Verbindungsabbrüchen dennoch bei der Stange blieb und unbedingt weiter spielen wollte. Diablo III macht also trotz all seiner (technischen) Unzulänglichkeiten sehr vieles richtig. Das immersive Spielprinzip bietet genau die richtige Mischung aus interessanten Storyanteilen, spannenden und taktischen Kämpfen, mit einem für mich exakt richtigem Schwierigkeitsgrad, der nicht frustriert aber auch nicht zu leicht scheint. Dazu kommt die Sammelleidenschaft und die Jagd nach neuen Items, die viele Spieler alleine schon fesseln wird.
Also wird Diablo III für mich ein Pflichtkauf? Ich unterliege tatsächlich einer extrem starken Versuchung, mir das Spiel zu kaufen. Abhalten könnte mich hingegen eine Sache, die nur indirekt mit dem Game zusammenhängt: der ständige Onlinezwang! Sicher, Diablo III hat einen großen Online-Anteil, viele Zocker werden es vielleicht sogar ausschließlich online spielen. Und der Onlinemodus ersetzt nicht nur den inzwischen leider obsoleten vier Spieler LAN-Modus, sondern bietet ja auch noch das Auktionshaus. Apropos Auktionshaus, bei einem kurzen Blick hinein erschreckten mich die Preise dort schon heftig, sie sind (derzeit) schlicht jenseits von Gut und Böse. Dennoch sehe ich Diablo III eher als Singleplayer-Offlinespiel. Und das Letzte, was ich da haben will, sind Serverausfälle oder Überlastungen, die das Daddeln temporär unmöglich machen – wahrscheinlich genau dann, wenn ich gerade zocken will. So etwas wäre für mich absolut inakzeptabel! Und was ist, wenn die Server irgendwann abgestellt werden? Das mag in den nächsten zehn Jahren nicht geschehen, aber was passiert in 20 Jahren oder in 30? Ich will ein von mir Gekauftes und damit ein sich in meinem Besitz befindliches Spiel IMMER zocken können. So wie ich heute auch noch meine Commodore 64 oder Amiga Games jederzeit einlegen, laden und mit ihnen loslegen kann.
Ein weiterer Knackpunkt, der allerdings nichts mit Diablo III an sich zu tun hat, ist, dass bald auch Guild Wars 2 erscheint. Ich bezweifle, dass ich den Blizzard-Titel bis dahin ausgespielt hätte und es ist ja auch nicht so, dass ich einen Mangel an Spielen hier habe. Vielleicht lohnt es sich auch zu warten bis Torchlight 2, Lineage Eternal – Twilight Resistance, Umbra, R.A.W. – Realms of Ancient War, Blood Knights oder ein Path of Exile herauskommen. Es scheint mir jedenfalls nicht unmöglich, dass einer dieser Titel spielerisch und inhaltlich Diablo III schlagen könnte. Bei den Verkaufszahlen wird das Blizzard-Spiel, und dafür brauche ich keine Glaskugel, so oder so mehr Einheiten absetzen als die gesamte Konkurrenz zusammen.

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